Die Zahl, die vor allen anderen kommt
Umsatz beeindruckt, Gewinn beruhigt — aber nur eine Zahl sagt, wie lange man Zeit hat. Und fast niemand kennt sie auswendig.
Es gibt eine Frage, die in Gesprächen mit Selbständigen zuverlässig für eine Pause sorgt: Wie viele Monate hält Ihr Unternehmen durch, wenn ab morgen kein neuer Umsatz mehr hereinkommt? Die meisten wissen ihren Jahresumsatz auswendig. Diese Zahl fast niemand.
Dabei ist sie die einzige, die eine Frist beschreibt. Umsatz sagt, wie groß etwas ist. Gewinn sagt, ob es sich rechnet. Die Reichweite sagt, wie viel Zeit man hat — und Zeit ist die Größe, die in jeder schwierigen Entscheidung tatsächlich knapp ist.
Wie man sie rechnet
Die Rechnung ist einfach genug, um sie auf einem Bierdeckel zu machen, und wird trotzdem selten gemacht, weil das Ergebnis unangenehm sein kann.
Reichweite in Monaten
(Verfügbares Geld − kurzfristige Verbindlichkeiten) ÷ monatliche Fixkosten
Verfügbares Geld: Kontostand plus sicher eingehende Forderungen, ohne nicht ausgeschöpften Kontorahmen. Kurzfristige Verbindlichkeiten: offene Lieferantenrechnungen, fällige Steuern und Beiträge, Rückstellungen. Fixkosten: alles, was auch ohne Auftrag anfällt — Löhne, Miete, Leasing, Versicherungen, Software, Kredittilgung.
Ein Beispiel: 46.000 Euro auf dem Konto, 12.000 Euro sicher erwartete Zahlungseingänge, dagegen 19.000 Euro offene Rechnungen und Abgaben. Bleiben 39.000 Euro. Bei 11.500 Euro Fixkosten im Monat ergibt das eine Reichweite von 3,4 Monaten. Nicht 58.000 durch 11.500, also fünf Monate — die Verbindlichkeiten gehören abgezogen, sonst rechnet man sich Luft herbei, die es nicht gibt.
Drei Fehler bei der Rechnung
Den Kontorahmen mitzählen
Ein nicht ausgeschöpfter Rahmen ist Fremdkapital, kein Guthaben. Er verlängert die Reichweite auf dem Papier und verkürzt sie in der Realität, weil die Zinsen wiederum die Fixkosten erhöhen. Wer ihn mitrechnen will, rechnet zwei Zahlen: eine ohne, eine mit.
Forderungen für sicher halten
Eine gestellte Rechnung ist kein Geld. Wer mit öffentlichen Auftraggebern oder Konzernen arbeitet, kennt Zahlungsziele von 60 bis 90 Tagen. In die Rechnung gehört nur, was innerhalb des betrachteten Zeitraums realistisch eingeht.
Die eigene Entnahme vergessen
Bei Einzelunternehmen und kleinen GmbHs fehlt in der Fixkostenliste regelmäßig der Betrag, von dem die Inhaberin lebt. Rechnet man ihn nicht mit, ist die Reichweite systematisch zu lang — genau um den Betrag, der privat gebraucht wird.
Warum die Zahl das Verhalten ändert
Wer seine Reichweite kennt, verhandelt anders. Nicht härter, aber ruhiger: Der Unterschied zwischen „ich muss diesen Auftrag haben" und „ich hätte diesen Auftrag gern" ist im Gespräch hörbar, und er entscheidet regelmäßig über den Preis.
Er verändert auch die Reihenfolge. Bei zwölf Monaten Reichweite kann man einen Umbau beginnen, der zwei schwache Quartale kostet. Bei drei Monaten ist derselbe Umbau kein mutiger Schritt, sondern ein Risiko, das die Existenz betrifft. Dieselbe Entscheidung, zwei völlig verschiedene Fragen — und der Unterschied liegt allein in dieser einen Zahl.
Man wird nicht dadurch souverän, dass man keine Angst hat. Man wird souverän, wenn man weiß, wie viele Monate Geld man hat.
Wie oft man sie rechnet
Einmal im Monat, am selben Tag, in fünf Minuten. Wichtiger als die Genauigkeit ist die Reihe: Erst der Verlauf über sechs Monate zeigt, ob die Reichweite wächst oder schrumpft — und das ist die eigentliche Auskunft. Eine Reichweite von vier Monaten, die aus zwei gewachsen ist, beschreibt eine andere Lage als dieselben vier Monate auf dem Weg von acht nach unten.
Der Einwand
Die Reichweite ist eine Sicherheitskennzahl, keine Erfolgskennzahl. Sie sagt nichts darüber, ob das Geschäftsmodell trägt. Ein Unternehmen kann zwanzig Monate Reichweite haben und trotzdem in einem Markt sitzen, der gerade verschwindet — hohe Rücklagen sind dann eine lange Frist für eine falsche Richtung, nicht ihre Korrektur.
Umgekehrt kann eine kurze Reichweite völlig unbedenklich sein, wenn die Erlöse planbar wiederkehren. Wer Wartungsverträge mit einjähriger Laufzeit hat, ist mit drei Monaten Reichweite anders aufgestellt als ein Projektgeschäft mit derselben Zahl. Die Kennzahl gehört deshalb immer neben eine zweite: den Anteil wiederkehrender Erlöse.
Was bleibt
Es geht nicht darum, eine bestimmte Zahl zu erreichen. Es geht darum, sie überhaupt zu kennen — und zwar bevor man sie braucht. Wer sie erst im schlechten Monat ausrechnet, rechnet unter Druck, und das ist der einzige Zustand, in dem diese Rechnung nichts mehr nützt.
Dieser Beitrag beschreibt eine betriebswirtschaftliche Kennzahl und stellt keine Finanz-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Für die Beurteilung Ihrer konkreten Lage ziehen Sie bitte Ihre Steuerberatung bei.
Offenlegung zu diesem Beitrag
- Status
- Beispielbeitrag dieser Vorlage. Text, Recherchegrundlage und Zitate stammen von der Redaktion und beruhen auf keiner durchgeführten Erhebung. Vor der Veröffentlichung durch eigene, belegte Inhalte ersetzen.
- Grundlage
- Redaktionelle Aufbereitung einer gebräuchlichen betriebswirtschaftlichen Kennzahl. Die Beispielrechnung ist frei erfunden und dient nur der Veranschaulichung; sie beruht auf keinem realen Unternehmen.
- Zitat
- Erfundenes Beispielzitat. Die Aussage gibt kein geführtes Interview wieder; Alter, Branche und Bundesland dienen nur der Einordnung. Vor dem Livegang durch ein echtes Zitat mit dokumentierter Freigabe der befragten Person ersetzen.
- Interessen
- Für diesen Beitrag wurde kein Entgelt geleistet. Es bestehen keine wirtschaftlichen Beziehungen zu genannten Personen oder Unternehmen. Enthält keine Affiliate-Links.
- Charakter
- Redaktioneller Beitrag. Keine Rechts-, Steuer-, Finanz- oder Gesundheitsberatung im Einzelfall.
- Korrekturen
- Hinweise auf Fehler an redaktion@dererfolg.at — Korrekturen werden am Ende des Beitrags vermerkt.
Weiterlesen
Die Angst vor dem leeren Kalender
Viele Selbständige füllen freie Tage reflexhaft mit Terminen. Was dahintersteckt — und warum Leerlauf zur Arbeit gehört.
Wie man aufhört, die beste Fachkraft im eigenen Betrieb zu sein
Der häufigste Engpass wachsender Unternehmen sitzt in der Geschäftsführung. Ein Weg heraus, in vier Schritten.